Rudolf Mees verstarb am 29. September 2010 in den Niederlanden im Alter von 79 Jahren. Er war neben Adriaan Deking Dura, Dieter Brüll und Lex Bos einer der vier Gründer der Triodos Bank. Noch drei Wochen vorher, am 3. September 2010, hatte er im Hauptsitz der Triodos Bank in Zeist in den Niederlanden einen viel beachteten Vortrag gehalten. Als letzter noch lebender Gründer der Triodos Bank nahm er an diesem Tag bewusst Abschied von uns. Denn er wusste, dass er aufgrund einer Krankheit nicht mehr viel Zeit hatte.
Dieser Freitagnachmittag am 3. September war für alle Zuhörenden sehr bewegend. Wir erlebten einen Weltbürger, der mit viel Humor, Einfühlungsvermögen und Weisheit einige der Themen ansprach, die ihm wichtig waren und die er uns mitgeben wollte. Er stellte zentrale Fragen unserer Zeit und regte uns an, seine Themen weiter zu erforschen.
Als sein gesellschaftliches Zukunftsideal nannte er die Entwicklung gegenseitiger Hilfsbereitschaft. Er sprach von einem neuen Modell der Führung in Organisationen, bei dem sich die Führungspersonen voll und ganz „hinter“ und nicht vor ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen. Auf Niederländisch gebrauchte er den Ausdruck „achter iemand staan“. Frei ins Deutsche übersetzt bedeutet dies: Ich stehe ganz hinter Dir und Deinen Impulsen, ich helfe Dir, Deine Ziele zu verwirklichen. So stellte sich Rudolf Mees die Führung der Zukunft vor. Er sprach von Charles Darwin und seinem Paradigma des „survival of the fittest“ oder der „natürlichen Auslese“ sowie von Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, dem russischen Anarchisten, der festgestellt hat, dass das Prinzip gegenseitiger Hilfe in der Tierwelt wichtiger ist als das (sozial-)darwinistische Konzept der „natürlichen Auslese“. Kropotkins zentrales Buch heißt dementsprechend auch „Mutual Aid“ (deutscher Titel: „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“).
Rudolf Mees war es wichtig, dass wir nicht blind von Nachhaltigkeit sprechen, ohne gleichzeitig das immer noch sehr stark in unserer Gesellschaft wirksame darwinistische Paradigma zu vergessen. Beide Konzepte, „natürliche Auslese“ und Nachhaltigkeit, stehen im Widerspruch. Dieser Widerspruch will aufgelöst werden. In Rudolf Mees’ Worten: „Niemand kann ohne die anderen leben, nicht alle aber kommen gleich schnell voran. Also müssen wir bereit sein, aufeinander zu warten. Die höchste Freiheit ist die Freiheit der Abhängigkeit.“
Rudolf Mees war ein Weltbürger, Niederländer mit deutscher Mutter. Nach dem Studium der Volkswirtschaft in Rotterdam erlernte er das Bankgeschäft. Sein Weg führte ihn von der Continentalen Handelsbank über die Versicherungssparte bei Mees en Zoonen in den Vorstand der Bank Mees & Hope, später dann für viele Jahre in den Vorstand der NMB-Postbank, der heutigen ING-Bank. Seine langjährige Tätigkeit bei der ING-Bank krönte er mit dem Bau der für ihre Architektur weltweit berühmten Firmenzentrale südlich von Amsterdam, des ersten und damals größten in organischer Bauweise errichteten Gebäudes in den Niederlanden.
Rudolf Mees bekleidete zudem viele Neben- und Beraterfunktionen. So war er Initiativgeber und Mitgründer des niederländischen Bundes der Waldorfschulen. Seine Fähigkeit zum Vermitteln führte ihn an die Spitze des niederländischen Unternehmerverbandes für Banken und als Richter an den Gerichtshof für Wirtschaftsfragen in Amsterdam.
Rudolf Mees hat für die Triodos Bank eine sehr wichtige Rolle gespielt. Als Mitgründer gestaltete er unsere bis heute gültige und zukunftsweisende Eigentümerstruktur. Er war viele Jahre Mitglied der gemeinnützigen Stiftung Triodos, die Spenden an nachhaltige Unternehmen und Projekte vergibt, dann Mitglied des Aufsichtsrates von Triodos Bank N.V. und von 1993 bis 2006 Vorsitzender des Aufsichtsrats von Stichting Aandelen Administratiekantoor Triodos (SAAT), der Eigentümerstiftung von Triodos Bank N.V.
Der bewusste Umgang mit Geld und die gesellschaftliche Erneuerung waren die Lebensmotive von Rudolf Mees und auch die Hauptmotive für die Gründung der Triodos Bank. Rudolf Mees hat die Entwicklung der Bank all die Jahre liebevoll begleitet. Immer auf der Suche nach Erneuerung, hat er positiv kritisch mit „seiner“ Bank gelebt. Er war stolz auf das Wachstum und die Expansion der Bank in den Niederlanden, in Belgien, in England, in Spanien und zuletzt in Deutschland. Beim Gründungsfest der Triodos Bank Niederlassung in Frankfurt am 2. Dezember 2009 war er mit viel Freude dabei (siehe das Youtube-Video unten).
Rudolf Mees hat wesentliche Impulse für einen neuen Umgang mit Geld gegeben. Noch am 3. September hat er uns Zuhörer aufgefordert, uns mit den drei Geldqualitäten nach Rudolf Steiner – Kaufgeld, Leihgeld und Schenkgeld – zu beschäftigen. Mit Kaufgeld erwerben wir Konsumprodukte. Das Leihgeld ist im Wesentlichen der Kredit. Und das Schenkgeld weist auf den wichtigen Bereich der Stiftungen und des Spendenwesens. Die Verschiedenheit dieser drei Geldqualitäten sei noch überhaupt nicht genug verstanden und durchdrungen, sagte er, das sei aber dringend notwendig.
Wir sind Rudolf Mees sehr dankbar für seine Weisheit, seine weltmännische Toleranz und seine Inspiration. Wir werden ihn vermissen. Er wird uns aber „von der anderen Seite her“ helfen und unterstützen. Dies hat er in den letzten Wochen immer wieder bekräftigt. Wir von der Triodos Bank verneigen uns vor einem großen Menschen mit ritterlichen Qualitäten. Seine Geste war immer auf die Weite gerichtet. So half er die Probleme zu lösen, nicht indem er tiefer eindrang in die Probleme, sondern indem er half, den Blick zu weiten und auf das Ganze zu sehen. Sein Humor und seine Leichtigkeit sollen uns auch in Zukunft inspirieren.
Alexander Schwedeler, Geschäftsleiter Triodos Bank







