„Wir wollen neue Zielgruppen zum Entdecken des Fairen Handels einladen“

Fair Trade Shop-Gründer Heiko Harms und Peter Eicher

Am 26. Mai 2011 war es soweit. Unser Kreditkunde, das Unternehmen „Fair Trade Shop“, öffnete die Türen seiner ersten Filiale im Herzen von München in den frisch sanierten Stachus Passagen. Die Gründer Heiko Harms und Peter Eicher wagen damit eine Neudefinition des Weltladen-Konzepts. Und die Triodos Bank begleitet sie dabei als Finanzierungspartner. Im Interview sprechen Heiko Harms und Peter Eicher über das Konzept von Fair Trade Shop sowie über Trends im Fairen Handel, wie sie persönlich zu dem Thema gekommen sind und was sie motiviert.

 

Wie sind Sie auf die Idee des Fair Trade Shops gekommen?

Peter Eicher: Wir beide sind schon lange in der Fair Handelsbranche tätig und verwurzelt, seit den 90er-Jahren beraten wir Fair Handelsunternehmen in Marketingfragen. Dabei spitzt sich der wirtschaftliche Erfolg eines Weltladens immer an der Standortfrage zu: je besser die Lage, desto höher die Umsätze. In unserer Beratung stellten wir immer wieder fest, dass die Weltläden nicht das finanzielle Risiko eingehen wollten, ihren Laden in Zentrumslage zu eröffnen. Allerdings gibt es im europäischen Ausland wie Österreich oder Holland erfolgreiche Beispiele dafür. So entschieden wir, die Gründung der ersten Filiale des Fair Trade Shops in Citylage selbst in die Hand zu nehmen – zunächst in München, bald auch in anderen deutschen Städten.

Was ist das Besondere an Fair Trade Shop?

Heiko Harms: Wir verstehen Fair Trade Shop als neues Konzept für Fachgeschäfte des Fairen Handels. Wir wollen damit neue Zielgruppen ansprechen und regelrecht zum Entdecken des Fairen Handels einladen. Unsere Läden sind professionell geführt, in sehr guter Innenstadtlage. Sie bieten ein ausgewähltes, hochwertiges Sortiment an Geschenken und Lebensmittelspezialitäten und sind bewusst klar und modern gestaltet. Für weitere Filialen, die wir nacheinander in größeren Städten eröffnen wollen, ist auch ein Bistrobereich geplant, in dem man eine Tasse Hochlandkaffee aus Kolumbien oder Bio-Grüntee aus Indien genießen kann. Wir legen Wert darauf, dass sich die Kunden in Ruhe über den Weg eines Produktes von der Herstellung bis zum Verkauf informieren können.

Peter Eicher: Zu den Produkten beziehungsweise Produktlinien gibt es kleine Infoschilder im Regal, die über Herkunft, Material und Besonderheiten informieren. Wir haben auch einige Infobroschüren der jeweiligen Fair Handels-Importeure, die kostenlos mitgenommen werden können. Und wir können ausführliche Informationen direkt aus unserem Kassen-PC, zum Teil von den Webseiten der Importeure, ausdrucken und interessierten Kundinnen und Kunden zum Lesen mitgeben.  

Der Faire Handel boomt. Viele moderne Anbieter wie Bäckereien, Coffee-Shops und Supermärkte haben Fair-Trade-Produkte im Sortiment. Warum sollten die Kunden gerade bei Ihnen kaufen und nicht im Supermarkt?

Peter Eicher: Weil wir 100 Prozent fair gehandelte Produkte anbieten. In Supermärkten wird nur ein verschwindend kleiner Umsatzanteil mit anerkannt fair gehandelter Ware erzielt. Bei uns muss sich die Kundin oder der Kunde nicht fragen, ob das fair gehandelt ist oder nicht. Außerdem beziehen wir nicht nur die Produkte aus Fairem Handel – wir verstehen uns auch als Teil der Fair-Handels-Bewegung und haben diese Philosophie in unser Unternehmenskonzept integriert. Fairer Handel bedeutet für uns auch Transparenz in der ganzen Handelskette, und dass wir unseren Kundinnen und Kunden klar verdeutlichen, was Fair Trade Shop ist und welche Menschen und Kriterien dahinter stehen.

Läuft der Faire Handel durch die zunehmende Ausrichtung auf Massenmärkte und die Zusammenarbeit mit großen Konzernen Gefahr, sich von seinen ursprünglichen Zielen und Idealen zu entfernen?

Peter Eicher: Grundsätzlich ist es gut für die Produzenten, wenn sich der Markt für fair gehandelte Produkte erweitert, weil mehr Kleinbauern und Arbeiter in den Genuss von fairen Preisen kommen. Allerdings müssen wir dem Aufweichen von Kriterien im Fairen Handel entgegen wirken. Ein Beispiel: Unser wichtigster Lieferant GEPA arbeitet seit 36 Jahren im Kaffeebereich ausschließlich mit Genossenschaften, also demokratischen Zusammenschlüsse von Kleinbauern, zusammen. Damit gibt GEPA dieser Struktur den Vorzug gegenüber der Struktur von Großplantagen, die mittlerweile auch am Fairen Handel teilnehmen können, wenn sie bestimmte Sozialstandards gegenüber den Plantagenarbeitern erfüllen. Wird eine Großplantage mit Fair Trade zertifiziert, können relativ rasch beispielsweise größere Mengen an fair gehandeltem Kaffee auf dem Fair-Massenmarkt geliefert werden. Darum ist es für Fair Trade Shop immer wichtig, welche Veränderungen, auch politisch, sich durch unseren Verkauf von fair gehandelten Produkten vor Ort beim Produzenten ergeben. Wir beobachten das sehr genau und profitieren von unseren langjährigen Kontakten in der Branche, die uns intensive Blicke hinter die Kulissen ermöglichen.

Wie suchen Sie die Produkte für den Fair Trade Shop aus?

Heiko Harms: Das ist und bleibt eine spannende Aufgabe. Wir testen gerade verschiedene Sortimente und sammeln Erfahrung. Wir lernen unsere Kundschaft kennen und entwickeln für die Sortimentsgestaltung eine gewisse Intuition. Daneben nutzen wir auch die Vorschläge der Fair Handels-Importeure sowie von erfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus anderen Fachgeschäften für Fairen Handel. 

Fair Trade, Regionalität, Bio… – welche Kriterien sind denn am wichtigsten für Verbraucher, die „zukunftsfähig“ konsumieren wollen?
Heiko Harms: Das hängt vom Produkt ab. Fair Trade ist eine gute Ergänzung von Bio und Regionalität. Regionale Produkte spielen vor allem bei Lebensmitteln hierzulande eine große Rolle. Aber in Deutschland werden wir weiterhin Kaffee, Tee oder Kakao aus Übersee importieren müssen oder gern auch künftig schöne, in traditioneller Weise hergestellte exotische Geschenkartikel kaufen wollen. Zu Beginn des Fairen Handels lag der Schwerpunkt auf der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Produzenten vor Ort. Es ging um die Förderung von kleinbäuerlicher Landwirtschaft und traditionellem Kunsthandwerk basierend auf langfristigen Partnerschaften und damit auch um ein Entgegenwirken zur Landflucht. Heute haben umweltverträgliche Produktionsweisen und ökologischer Anbau eine steigende Bedeutung für den Fairen Handel. Bio-Standards als Eingangsvoraussetzung in das Fair Trade-System können aber gerade die ärmsten Produzentengruppen ausgrenzen. Wir müssen die Hersteller dort abholen, wo sie in ihrer Entwicklung aktuell stehen, und dann die Umstellung auf Bio-Produktion fördern, was letztlich durch die Mehreinnahmen des Fairen Handels ermöglicht wird.

Wie integrieren Sie die Philosophie und Werte des Fairen Handels in Ihr eigenes Privatleben? Schaffen Sie es, den Ansprüchen im Alltag gerecht zu werden?

Heiko Harms: Na ja, wir bemühen uns. Selbstverständlich genießen wir zu Hause Fair-Trade- und Bio-Produkte wie Kaffee, Tee, Honig und Schokolade und knabbern vor dem Fernseher Cashewkerne aus schönen Bambusschälchen. Aber den gesamten Konsum auf Fair Trade, Bio und regionale Produkte umzustellen, halte ich gegenwärtig für zu anspruchsvoll. Wenn sich die Sortimente weiter so positiv entwickeln, werden wir uns allerdings immer mehr in Richtung 100 Prozent nachhaltigen Konsums bewegen. Kleine Schritte gehen wir auch hinsichtlich Ökologie und Nachhaltigkeit: So erzeugen wir in unserem Haushalt das Warmwasser mit Sonnenenergie, während Peter Eicher mit seiner Familie im Stromverbrauch Selbstversorger über eine Photovoltaikanlage ist. Auch ist es für uns wichtig, welcher Bank wir unser Geld anvertrauen – nicht nur mit Hinblick auf den Fair Trade Shop, sondern auch zu Hause. Es gibt genug Möglichkeiten, durch bewussten Konsum die Zukunft ökologisch und fairer zu gestalten.

Peter Eicher: Und trotzdem werde ich mir immer wieder einmal ein schönes Kleidungsstück von einer konventionellen Modemarke kaufen.

Wie sind Sie persönlich zum Thema Fair Trade gekommen?

Heiko Harms: Es war unter anderem eine egoistische Entscheidung, nach meinem BWL-Studium im Jahr 1991 im Fairen Handel tätig zu werden. Während des Studiums hatte ich durch Praktika in einem konventionellen mittelständischen Betrieb und in einem großen Konzern gelernt, wie wichtig die Sinnhaftigkeit der beruflichen Tätigkeit für mich ist. Parallel arbeitete ich bei Amnesty International in einer Gruppe zum Thema Wirtschaft und Menschenrechte. Dabei ging es beispielsweise um Proteste von Arbeiterinnen und Arbeitern für eine bessere Bezahlung und für menschenwürdige Arbeitsbedingungen in einem Werk eines großen Getränkekonzerns in Mexiko; sie waren zumindest unter der Duldung der Betriebsleitung von der Polizei brutal niedergeschlagen worden. Die Beschäftigung mit solcherlei Themen hat mich dann quasi zum Fairen Handel geführt – einer Branche, die wirklich positive Zeichen setzt –, und so wurde ich zu einem der ersten studierten BWLer in dieser Branche.

Peter Eicher: Mich fesselt die Idee des Fairen Handels schon seit 1979. Ich war Anfang der 80er-Jahre in der deutschen Friedensbewegung aktiv, die sich vor allem gegen die weitere atomare Aufrüstung mit amerikanischen Pershing-Raketen auf deutschem Gebiet aussprach und demonstrierte. Bei einer der vielen Friedensveranstaltungen wurde fair gehandelter Kaffee aus Guatemala verkauft, was mich neugierig machte. Bald darauf hatte ich mit Freundinnen und Freunden selbst den Absatz von fair gehandelten Produkten organisiert. Mir gefiel die Idee, unmittelbar die Erzeuger der Produkte zu unterstützen. Und selbstverständlich nutzten wir den Verkauf auch als politische Aktion, mit der wir versuchten, deutsche Verbraucherinnen und Verbraucher über den ungerechten Welthandel aufzuklären. 1984 öffnete sich mir dann die Möglichkeit, professionell in den Fairen Handel einzusteigen. Ich hängte meinen Beruf als Diplom-Ingenieur an den Nagel, um meiner wahren Berufung nachzugehen – und das bis heute.

Gibt es eine Geschichte aus der Welt des Fairen Handels, die Sie persönlich besonders bewegt?

Peter Eicher: 1988 gründete ich mit Freunden ein Fair Handelsunternehmen als Genossenschaft. Jahre später reiste ich das erste Mal nach Indien, um indische Handwerksproduzenten kennen zu lernen und um die Importchancen ihrer Produkte für unsere Genossenschaft auszuloten. Dabei lernte ich Mahima Mehra kennen, eine engagierte Inderin, die sich für die Vermarktung von handgeschöpften Papierprodukten einsetzte. Bis heute kooperiere ich mit ihr; aus der Zusammenarbeit wurde eine Freundschaft. Der gemeinsame Einsatz für benachteiligte Handwerkerfamilien bindet uns stark. Aber auch die kreative Entwicklung neuer Produkte zusammen mit Mahima Mehra macht sehr viel Freude.

Heiko Harms: Mich beeindruckt bei den Produzenten des Fairen Handels immer wieder die Art und Weise, wie sie Demokratie in ihren Organisationen leben. Einmal konnte ich als Gast bei einer abendlichen Versammlung einer Kaffeekooperative in Mexiko zuschauen. Obwohl alle einen langen, arbeitsreichen Tag hatten, wurde dort lebendig und mit hohem gegenseitigen Respekt und Humor über die Verteilung des Fair Trade-Mehrpreises diskutiert. Solche und vielerlei ähnliche Eindrücke motivieren mich sehr, unser hochwertiges Einzelhandelskonzept konsequent umzusetzen und damit die Produkte und deren Produzenten und Produzentinnen besonders wertzuschätzen. 

Was ist Ihr Ziel? Was erhoffen Sie sich für den weltweiten Fairen Handel? Wo sehen Sie Grenzen oder Verbesserungsmöglichkeiten?

Heiko Harms: Wir wollen, dass sich Fair Trade Shop langfristig als Fachgeschäft für Fairen Handel in Citylage etabliert. Die Bekanntheit des Fairen Handels wird weiter steigen, das ist bereits klarer Trend. Aber wie ernsthaft wird Fairer Handel gerade auch von den konventionellen Unternehmen betrieben, wird Fair Trade nicht doch eher als Feigenblatt benutzt? Wir erhoffen uns, dass auch weiterhin auf Augenhöhe mit den Produzenten in den Entwicklungsländern zusammen gearbeitet wird und dass sich immer mehr Verbraucher informieren, kritische Fragen stellen und sich nicht mit simplen Marketing-Floskeln abspeisen lassen.

Peter Eicher: Der Faire Handel wird das oft ungerechte Weltwirtschaftssystem in naher Zukunft nicht grundlegend ändern. Aber er beweist, dass ein gleichberechtigter Handel möglich ist. Letztendlich liegt es an der Politik, weltweit fairere Handelsstrukturen vorzugeben. Konzepte dazu gibt es genug. Hoffentlich dürfen wir uns überraschen lassen von wirkungsvollen Beiträgen der deutschen Regierung, anderer Staaten und internationaler Organisationen wie der Welthandelsorganisation, des Internationalen Währungsfonds oder der Weltbank für einen gerechteren Welthandel.

Die Fragen stellte Sandra Wilcken (modem conclusa).